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Change 17. August 2026 6 Min

Die E-Akte ist da – warum arbeitet kaum jemand damit?

Technisch eingeführt heißt nicht angenommen. Warum Akzeptanz kein weicher Faktor ist und wie Verwaltungen den Rollout vom Papier in die Praxis bringen.

Die Szene kennen viele Verwaltungen: Die E-Akte ist eingeführt, das Projekt offiziell abgeschlossen, die Pressemitteilung verschickt. Und in den Büros? Wird weiter ausgedruckt. Die elektronische Akte existiert – als Ablageort für eingescannte Papierdokumente, die vorher ausgedruckt, handschriftlich verfügt und dann wieder digitalisiert wurden. Technisch ist das Projekt ein Erfolg. Praktisch hat sich die Arbeit verdoppelt.

Akzeptanz ist kein weicher Faktor

In Projektplänen taucht „Change Management" oft als Randposition auf: ein Budget für Schulungen, ein Newsletter, fertig. Diese Rechnung geht nicht auf. Studien und Projekterfahrung zeigen übereinstimmend: Der Großteil gescheiterter Digitalisierungsvorhaben scheitert nicht an der Software, sondern an der Nutzung. Eine E-Akte, die von 30 Prozent der Beschäftigten konsequent genutzt wird, erzeugt keinen Nutzen von 30 Prozent – sie erzeugt Chaos, weil niemand mehr weiß, wo die aktuelle Version eines Vorgangs liegt. Akzeptanz ist damit keine Nettigkeit, sondern die technische Funktionsbedingung des Systems.

Widerstand hat meistens gute Gründe

Der Reflex, zögernde Mitarbeitende als „veränderungsresistent" abzustempeln, ist bequem und falsch. Wer genauer hinsieht, findet fast immer rationale Gründe: Die Software ist langsamer als der gewohnte Griff zum Ordner. Die Schulung lag drei Monate vor dem Rollout. Die Scanstrecke produziert unleserliche Dokumente. Die Führungskraft verlangt weiterhin die Papiermappe zur Unterschrift. Wer Widerstand ernst nimmt, erhält kostenlose Fehleranalyse. Wer ihn ignoriert, bekommt Dienst nach Vorschrift – und der ist in keiner Dienstvereinbarung verboten.

Führungskräfte sind der Engpass – oder der Hebel

Die wirksamste Einzelmaßnahme kostet nichts: Führungskräfte, die selbst konsequent digital arbeiten. Eine Amtsleitung, die Vorgänge nur noch elektronisch verfügt und keine Papiermappen mehr annimmt, verändert das Verhalten einer Abteilung schneller als jede Schulungsreihe. Umgekehrt gilt: Solange die Leitungsebene sich Ausdrucke vorlegen lässt, ist jedes Bekenntnis zur Digitalisierung Folklore. Beschäftigte orientieren sich nicht an Rundschreiben, sondern an dem, was oben tatsächlich gelebt wird.

Multiplikatoren statt Massenschulung

Zentrale Großschulungen drei Monate vor dem Go-live verpuffen – das Gelernte ist beim Start vergessen. Bewährt hat sich ein anderes Modell: In jedem Bereich werden ein bis zwei Key-User ausgebildet, die tiefer geschult werden und als erste Anlaufstelle dienen. Sie sprechen die Sprache des Fachbereichs, kennen die realen Vorgänge und sind erreichbar, wenn das Problem auftritt – nicht Wochen vorher. Ergänzt um kurze, anlassbezogene Lernformate entsteht ein Unterstützungsnetz, das mit dem Alltag mitwächst.

Nutzung messen, nicht Einführung feiern

Projekterfolg wird oft am Rollout-Datum gemessen. Aussagekräftiger sind Nutzungsdaten: Wie viele Vorgänge werden vollständig elektronisch geführt? Wo wird weiterhin parallel Papier bewegt? Welche Bereiche hängen zurück – und warum? Solche Daten sind keine Kontrolle der Beschäftigten, sondern Steuerungswissen für die Organisation. Ein Bereich mit niedriger Nutzung hat fast immer ein konkretes, lösbares Problem: eine fehlende Schnittstelle, eine unklare Regelung, eine überlastete Scanstelle. Wer nicht misst, kann nicht nachsteuern – und wundert sich zwei Jahre später über Doppelstrukturen.

Fazit: Einführung ist der Anfang, nicht das Ende

Der Go-live einer E-Akte ist kein Projektabschluss, sondern der Startpunkt der eigentlichen Veränderung. Organisationen, die nach dem Rollout weitere zwölf Monate aktiv begleiten – mit sichtbarer Führung, Key-Usern und ehrlicher Nutzungsmessung –, erreichen das, was das Projekt versprochen hat. Alle anderen haben eine teure Software eingeführt und eine Arbeitsweise behalten.

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